Reisebericht vom 03.03.2003
Port Massawa, Eritrea
Nachdem wir uns 5 sm vor der Hafeneinfahrt über VHF 16 bei Massawa Port Control angekündigt hatten, fällt der Anker in der Taulud Bay, dem hinteren Teil des Hafens - vorbei an dem Pier der Handelsschifffahrt an einigen Fischerbooten und zahlreichen Wracks, die hier am Ufer liegen. Mit dem Dingi fahren wir an Land und klarieren ein. Der Aufenthalt bis zu 48 h ist kostenlos. Wir bekommen einen Shorepass zum Verlassen des bewachten Hafengeländes vom Immigrations- Offizier. Wer länger bleiben will, muss ein Visa haben und das ist dann mit 50 US$ pro Person nicht gerade billig. In den letzten vier Jahren wurde das Visa jährlich 10 US$ teurer. Ein Glück, dass wir jetzt hier sind und nicht erst in 10 Jahren.
Zahlreiche Gebäude, darunter der ehemalige Prachtbau vom Kaiser Haile Selassi I., sind nur noch als Ruinen zu sehen. Alles wirkt sehr ärmlich, staubig und nicht gerade anziehend auf uns als Besucher in dem jüngsten Staat Afrikas. Zugleich gehört dieses Land zu den ärmsten der Welt und die Unabhängigkeit 1993 von Äthiopien wurde mit einem blutigen, fast 30- jährigem Bürgerkrieg bezahlt. Wir lassen uns nicht abschrecken und finden ein Internet, einen kleinen Supermarkt mit dem tollen Namen, Bella Vista, sowie bescheidene Bars und Restaurants. Die Währung ist nicht konvertierbar und so werden wir sofort von Mike, der hier im Hafen alles organisiert, angesprochen. Der offizielle Kurs für 1 US$ ist 14 Nakfa, schwarz bekommt man 20 Nakfa. Alkohol ist billig, 3 Flaschen des lokalen „ASMARA“- Bieres kosten 1 US$, allerdings ist es etwas gewöhnungsbedürftig. Da Eritrea eine ehemalige italienische Kolonie war, gibt es auch überall Spaghettis für 1 US$. Wir sitzen auf Plastikstühlen im Restaurant mit dem festgestampftem Lehmboden und genießen den Schatten unter einer Bauplane.
Wir planen einen Ausflug in die von den italienischen Kolonialisten geprägte Hauptstadt, Asmara. Diese liegt 2.300 m hoch im Gebirge und hat wesentlich angenehmeres Klima als hier im trockenen Massawa. Zuvor wird mit dem Dingi Trinkwasser (450 l) in Kanistern zum Schiff transportiert. Genauso geht es auch mit Diesel (0,29 €/l), dieser muss allerdings per Taxi in Kanistern von einer Tankstelle geholt werden, da an der Fischertankstelle im Hafen der Diesel fast immer ausverkauft ist.
Wir haben unseren Diesel noch billiger bekommen und das war so: Am Morgen des 05.03. fährt in einem Motorboot ein Afrikaner und einer aus Asien im Hafen zwischen den etwa 25 hier liegenden Yachten suchend herum. Ich frage ihn einfach, wen er sucht, wo er herkommt und ob ich ihm helfen kann. Er kommt längsseits und klettert an Bord. Ja, er wäre aus Südkorea und ist der Manager einer großen südkoreanischen Baufirma für Häuser und Straßen. Er interessiere sich für Yachten und möchte selbst einmal um die Welt segeln. Wir unterhalten uns nett und anschließend sagt Mr. Bae, falls wir Hilfe oder irgendetwas brauchen, Werkzeuge, Diesel etc. solle ich zu ihm ins Büro kommen. „Vielen Dank, aber wo ist es denn“, frage ich. Jeder kenne hier die Südkoreanische Firma, kommt die Antwort. Also mache ich am nächsten Morgen die Probe auf´s Exempel und gehe mit meinen 12 Dieselkanistern á 20 l zum Taxi. Der Fahrer bringt mich zur Tankstelle und kann nicht verstehen, dass ich nicht an die Tankstelle sondern in die Südkoreanische Baufirma, KEANGNAM ENTERPRISES, will. Schließlich fährt er mich doch hin, vorbei an armseligsten Bretter- und Wellblechhütten der Einheimischen ohne Wasser und Strom. An der Schranke eines großen eingezäunten Geländes voller Baumaschinen und mit Wachtürmen stoppt uns der Mann mit der Kalaschnikow. Als er den Namen des Chefs hört, ruft er an und die Schranke öffnet sich. Eun Hwan Bae freut sich und wir unterhalten uns bei Cappuccino über die christliche Seefahrt. Anschließend geht es mit vollen Kanistern und Reparaturepoxy für das Dingi zurück zum Hafen, ohne dass ich auch nur einen Cent bezahlen musste.
Wie heißt es doch so schön – ein junger Mensch muss Glück haben!!!
Am 06.03.03 starten wir in aller Frühe in das 110 km entfernte Asmara. Es geht vorbei an einer abgeschossenen Aeroflotmaschine des Typs IL 18, an drei russischen T 34 Panzern und vielen zerstörten Häusern – alles sind Erinnerungen an den Krieg. Elendssiedlungen, freundliche Menschen, Hotels mit vielen freien Zimmern, Kamelkarawanen, grüne und fruchtbare Täler, atemberaubende Ausblicke auf der Serpentinenstraße ins Gebirge – all das bietet uns die abwechslungsreiche Fahrt in die Hauptstadt. Dazu ein Kraftfahrer, der gnadenlos in den Kurven überholt im vollen Gottvertrauen auf seine Hupe und die anderen Verkehrsteilnehmer. Nach 3 Stunden steigen wir dankbar aus. Wir sind da und auf der einzigen vierspurigen Straße, der Liberation Avenue, treffen wir auch viele andere Segler. Da gibt es die Informationen aus erster Hand über Hotels, Cafés, Restaurants und Sehenswürdigkeiten. Das „SELAM HOTEL“ wird unseres. Ein Doppelzimmer kostet 12 US$ für eine Nacht, mit Badewanne, Bidet und Fernseher (3 Programme, darunter CNN). Das kalte Wasser lässt uns den Haushandwerker rufen, aber er lacht und meint, dass wir am Ende des Stranges das Wasser nur lange genug laufen lassen müssen. Das große Hinweisschild im Bad, welches alle Gäste zum sparsamen Umgang mit Wasser und Strom auffordert, sei zu ignorieren. Beim Strom haben wir keine Probleme, von 5 Glühlampen brennen nur zwei. Beim Wasser hat er uns leider nicht gesagt, dass der blaue Wasserhahn für das warme Wasser ist. Nach einer Stunde klappt es doch noch mit einem warmen Bade!!!
Wir sehen viele schöne Gebäude im italienischen Baustil. Die Kathedrale des milanesischen Baumeisters Scanavini aus dem Jahre 1923 ist hervorragend erhalten und überragt alle anderen Gebäude. Wir besteigen auch den 52 m hohen Glockenturm, dessen Holztreppen 1997 von zwei reisenden deutschen Zimmerleuten in freiwilliger Arbeit erneuert wurden und genießen den Ausblick über die Stadt. Vielen Dank – eine tolle Arbeit!! 10.30 Uhr - Ein lautes Geläut lässt uns vor Schreck die Ohren zuhalten. Wir denken beide sofort an den Glöckner von Notre Dame. Als wir auch noch den Kindergarten im Hintergebäude der Kathedrale besuchen, ist „Hallo“ angesagt und die lieben Kleinen singen uns sogar etwas vor.
Auf den Straßen sehen wir zahlreiche neue Luxus Jeeps der Militärpolizei, der UNO bzw. anderer UN- Hilfsorganisationen, die sich darum kümmern, dass das Geld der Steuerzahler unter die Leute kommt. Vielleicht bewerbe ich mich auch noch mal um einen gutbezahlten Auslandsjob bei der UNO. Abends treffen wir uns mit anderen Seglern im „BLUE NILE“ zum Pizzaessen. Das ist der Platz auf der Martyrs´ Avenue mit dem einmaligen Sandalendenkmal. Im Bürgerkrieg waren die Soldaten mit diesen Plastiksandalen ausgestattet. Daran soll das gewaltige Monument aus Stahl erinnern. Es werden noch Passbildfotos gemacht für das ägyptische Visa. In der ägyptischen Botschaft haben wir 10 Uhr alles abgegeben und 16 Uhr konnten wir bei den freundlichen Angestellten die Visa abholen. (Kostenpunkt: 260 Nakfa, d.h. 13 US$ pro Person bei günstigem Umtauschkurs)
Asmara ist auf jeden Fall einen Besuch wert, mit dem leicht verblichenen italienischen Flair. Schade, dass das herrliche ehemalige Opernhaus zu einer drittklassischen Kneipe verkommen ist. Auch andere Baudenkmale warten auf eine Sanierung, aber es gibt in so einem armen Land natürlich dringendere Probleme zu bewältigen als eine italienische Oper zu renovieren, die kein Einheimischer wirklich braucht.
Voller Eindrücke geht es in dem überfüllten Bus für einen Dollar 4 h zurück nach Massawa. Wir diskutieren über die Situation im Lande, aber es ist bestimmt nicht einfach, gegen Jahrhunderte alte Traditionen und Gebräuche etwas zu bewegen und zu verändern.
Bei unserer Ankunft im Hafen sind die Segler völlig aufgeregt. Auf sechs Yachten sind Ratten !! Wer hat Rattenfallen an Bord ?? Sind die Ratten mit den Dingis an Bord gekommen oder geschwommen und an der Ankerkette hochgeklettert ?? Die australische Yacht „BLOWIN AWAY TOO“ musste wieder zurückkommen, nachdem die gesamte Navigationselektronik ausgefallen war. Mehrere Kabel waren durchgefressen. Nicht umsonst sind an den Festmachern der Handelsschiffe große „Spanische Kragen“ aus Blech. Wir haben Glück und bis jetzt keine unliebsamen „Besucher“ an Bord, hoffentlich bleibt das auch so. Sicherheitshalber sind jedenfalls Ratten- und Mausefallen an Bord.
Sonntag, 09.03.2003, ruft kurz nach 08- 00 h während der morgendlichen Funkrunde die australische Yacht „PENYLAN“, die noch mit drei anderen Yachten im Konvoi fährt – „MAY DAY, MAY DAY!!! Wir werden vor der jemenitischen Küste in der Nähe von Al Mukalla von drei Piratenbooten verfolgt und beschossen !!!“ Segler in Djibouti informieren die Coastguard. Glücklicherweise hatten die drei jemenitischen Piratenboote Flüchtlinge aus Somalia an Bord und konnten den Yachten, die nun Vollgas gaben, nicht mehr folgen. Montag, 10.03.2003, heißt es „Anker auf“ zum Ausklarieren, denn das Wetter ist gut und so machen wir Nord. Inzwischen sind ca. 30 Yachten hier. Am nächsten Tag ankern wir in Lee der 63 sm entfernten schönen Difnein Insel, auch als „Deathmine Island“ bezeichnet, der Strand soll vermint sein. Also kein Landgang – nachmittags geht es weiter.
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Reiseroute
Reisebericht - Eritrea
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